Henrik Schäfer (links), hier im Gespräch mit PZ-Chefreporter Marek Klimanski, bestimmt die Preise für die Tankstelle von Thomas Goßweiler. Foto: Röhr

Pforzheimer Zeitung – Bericht vom 03. Juni 2026

Pforzheim. In Thomas Goßweilers Tankstelle in Eutingen steigt um Punkt 12 Uhr der Liter-Preis um 20 Cent. Eine halbe Stunde später fällt er wieder. Währenddessen kostet das gleiche Benzin vom gleichen Energiehändler in Kieselbronn elf Cent mehr als in Wimsheim – und am nächsten Tag umgekehrt. Warum? So funktioniert der absurd-schnelllebige Kraftstoff-Markt in Pforzheim und Umland.

Die bft-Tankstelle in Eutingen ist fast schon ein Relikt. Keiner würde heute mehr auf die Idee kommen, im Erdgeschoss eines Wohnhauses Benzin zu verkaufen. Trotzdem ist Besitzer und Stadtrat Thomas Goßweiler guter Dinge, dass er sein Geschäft noch lange lukrativ führen kann – zumindest bis zur Rente. Auf den Spritpreis hat er keinen Einfluss. Dieser steigt und sinkt taktisch zur umliegenden Tankstellen-Konkurrenz. In wohl keiner anderen Branche erleben Kunden den teils absurd-schnelllebigen Takt des freien Markts so unmittelbar wie an der Zapfsäule.

Thomas Goßweiler ist unabhängiger Unternehmer. „bft“, das steht für den Bundesverband freier Tankstellen. Im Gegensatz zu den Tankstellen der großen Mineralölunternehmen wie Aral oder Shell ist Goßweiler selbstbestimmter. Er allein entscheidet, woher er seinen Kraftstoff bezieht, was er im Laden verkauft, welchen Service er anbietet. Die gebundenen Tankstellen, so Goßweiler, würden eher nach dem Franchise-Konzept arbeiten. Fast alles sei vorgegeben, die Besitzer führten meist mehrere Tankstellen nach dem gleichen Prinzip, teilweise müssen prozentuale Abgaben für Shop- oder Waschanlagen-Erlöse gezahlt werden. Für ihn wäre das nichts, sagt er.

 

Ein Preis in ständiger Bewegung

Allein den Sprit-Verkaufspreis kann Goßweiler nicht selbst bestimmen. Er kauft Benzin und Diesel von der Südwestenergie GmbH mit Sitz im Industriegebiet im Pforzheimer Norden. Dessen Geschäftsführer Henrik Schäfer liefert nicht nur Benzin, sondern betreibt auch selbst Tankautomaten zum Selbsttanken in Wimsheim, Kieselbronn, Mühlhausen und im Brötzinger Tal an der Denningstraße. Wer einen Blick auf die Webseite seines Unternehmens wirft, findet für alle diese Tankautomaten unterschiedliche Liter-Preise. Per Mausklick lässt Schäfer sie steigen und sinken. Bei Thomas Goßweiler in Eutingen kostet der Liter Diesel an diesem beliebigen Freitagnachmittag 2,05 Euro. In Wimsheim 2,00 Euro, in Mühlhausen 1,96 Euro.

Von einem Dienstleister lässt sich Henrik Schäfer stetig die aktuellsten Preise seiner Konkurrenz auflisten. Und zwar der unmittelbaren, also der umliegenden Tankstellen. Dadurch passt er die Preise in Eutingen anders an als die in Kieselbronn oder Wimsheim. Geht der Konkurrent einen Ort weiter mit dem Preis runter, zieht Schäfer in der Regel nach. „Teilmärkte“ nennt man das im Fach-Jargon. „Das ist ein sehr florierender Wettbewerb. Jeder schaut mit Argusaugen auf den anderen“, sagt Schäfer. Analysiert werden vor allem Verkehrsflüsse, wie zum Beispiel Pendlerverkehr. Die B294 durchs Enztal ist ein Markt für sich, ebenso die B10 Richtung Mühlacker. Der Sprit-Preis wird nicht ausschließlich an den Börsen in New York und London gemacht, sondern zwischen Pforzheimer Nordstadt und Bauschlott, zwischen Büchenbronn und Engelsbrand.

 

Immer ein paar Cent günstiger

Henrik Schäfer setzt als „kleine Nummer“, wie er seinen Energiehandel gegenüber den großen Konzernen bezeichnet, laut eigener Aussage bewusst auf einen möglichst niedrigen Preis für seine freien Tankstellen. Aral, Shell und Co. hätten im Preiskampf vor allem sich gegenseitig im Blick und nicht die kleineren regionalen Händler, die sie nicht als wirkliche Konkurrenz wahrnähmen. Er versucht, so sagt er, immer zumindest ein paar Cent günstiger zu sein. Der Pendler schaue genau, welche Tankstelle auf seinem Heimweg die preiswerteste ist. Und auch Thomas Goßweiler spürt den Druck: „Die Menschen achten extrem darauf, wo es am günstigsten ist.“

Nachdem wegen der Blockade der Straße von Hormuz die Rohölpreise durch die Decke gingen, wollte die Bundesregierung mit der 12-Uhr-Regel der Preisspirale einen Riegel vorschieben. Seit April darf nur noch einmal am Tag der Preis angehoben werden. An der Tankstelle von Thomas Goßweiler läuft das dann so: Um Punkt 12 Uhr steigt der Preis um 20 Cent. Nach dem Blick auf die Konkurrenz wird er von Henrik Schäfer nach unten korrigiert. Es ist das gleiche Katz-und-Maus-Spiel wie zuvor, nur nicht mehr stündlich, sondern einmal zur Mittagszeit.

 

Tankstelle verdient wenig daran

Selbst wenn der Literpreis Super auf 2,10 Euro steigt, tankt nicht ein Kunde weniger bei ihm, sagt Thomas Goßweiler über die vergangenen turbulenten Monate. Die Menschen seien nunmal auf das Auto angewiesen – und das werde auch noch eine ganze Weile so bleiben. Einen satten Gewinn fährt er deshalb nicht ein: Im bundesweiten Durchschnitt verdient ein freier Tankstellenbesitzer pro verkauftem Liter Benzin 0,7 Cent.

„Die Masse macht den Umsatz“, sagt Goßweiler.

50 Prozent seiner Kalkulation besteht aus dem Sprit-Verkauf. Die anderen 50 Prozent verdient er durch Waschanlage und Tankstellen-Shop.

Und Henrik Schäfer? Der muss den teureren Weltmarkt-Preis an der Börse bezahlen, macht mal Verlust, wenn eine neue Pressemitteilung über ein versenktes Schiff vor der Küste Irans veröffentlicht wird, und beim nächsten Mal wieder Gewinn, wenn ein Waffenstillstand ausgerufen wird. Alle 15 Sekunden wird ein neuer Preis ausgerufen.

Thomas Goßweiler muss es nehmen, wie es kommt. Wie die Autofahrer. So lange es Verbrennungsmotoren gibt, gibt es Tankstellen wie seine, sagt er. E-Ladestationen würden sich für ihn nicht lohnen. Bis sich dieser Wandel nicht mehr vermeiden lässt, will er in Rente sein.

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